Keynote speech of the festival 2022 by Anne Applebaum

EIN OZEAN DER GLEICHGÜLTIGKEIT

Anne Applebaum

 

Im schrecklichen Winter 1932/33 gingen auf der Suche nach Lebensmitteln Brigaden kommunistischer Parteiaktivisten – aus Moskau, Kiew und Charkiw, aber auch aus Nachbarorten – in ukrainischen Dörfern von Haus zu Haus. Sie wühlten in den Gärten, brachen Wände auf und stießen mit langen Stangen in die Schornsteine, um nach verstecktem Getreide zu suchen. Sie nahmen Nutztiere mit und beschlagnahmten Tomatensetzlinge. Nach derartigen Überfällen aßen die ukrainischen Bauern Ratten, Frösche und gekochtes Gras. Sie knabberten an Baumrinde und Leder. Etwa vier Millionen starben an Hunger.

Dennoch fühlten viele der Eintreiber keine Schuld. Die sowjetische Propaganda hatte ihnen eingebläut, die vermeintlich wohlhabenden Bauern, die sie Kulaken nannten, seien Schädlinge, Saboteure und Feinde, reiche Landbesitzer, die dem sowjetischen Proletariat den Weg versperrten in die von seinen Anführern verheißene Utopie. Die Kulaken sollten beseitigt werden, zerquetscht wie Parasiten oder Fliegen. Ihre Lebensmittel sollten an die Arbeiter in den Städten verteilt werden, die sie mehr verdient hatten als sie.

Die Aktivisten hatten ihnen geglaubt. Jahre später sprach der in der Ukraine geborene, sowjetische Überläufer Viktor Krawtschenko darüber, wie es war, zu diesen Brigaden zu gehören. „Um sich seelische Qualen zu ersparen, verschleiert man unangenehme Wahrheiten, indem man die Augen halb verschließt und den Verstand ausschaltet“, schrieb er. „Panisch erfindet man Rechtfertigungen und ersetzt sein Wissen durch Worte wie Übertreibung und Hysterie.“

Er beschrieb auch, wie der politische Jargon und Euphemismen dazu beitrugen, die Auswirkungen ihrer Taten zu camouflieren. Anstatt die Menschen, deren Lebensmittel sie stahlen, beim Namen zu nennen, wurde in seiner Gruppe von einer „Bauernfront“ und „Bedrohung durch Kulaken“ gesprochen, vom „Sozialismus auf dem Dorf“ und vom „Klassenwiderstand“. Der sowjetische Schriftsteller Lew Kopelew, der als junger Mann ebenfalls in einer dieser Brigaden gedient hatte (und später mehrere Jahre im Gulag verbrachte), reflektierte das Geschehen in ähnlicher Weise. Auch er hatte festgestellt, dass Klischees und eine ideologisierte Sprache ihm halfen, sein Handeln zu verbrämen, sogar vor sich selbst: „Ich redete mir etwas ein, gab mir selbst Erklärungen. Ich durfte nicht in lähmendes Mitleid verfallen. Wir erkannten die historische Notwendigkeit. Wir erfüllten unsere revolutionäre Pflicht. Wir beschafften Getreide für das sozialistische Vaterland. Für den Fünfjahresplan …“ Vor dem Hintergrund anderer Prioritäten erübrigte sich das Mitleid für die Bauern. Sie hatten keine Existenzberechtigung. Ihr bäuerlicher Reichtum würde bald das Eigentum aller sein.

Aber die „Kulaken“ waren nicht reich. Sie litten Hunger. Das Bauernland war nicht wohlhabend, es lag brach. So schildert es Krawtschenko in seinen viele Jahre später geschriebenen Memoiren:

„Große Mengen von Geräten und Maschinen, die einst von ihren Besitzern wie wertvoller Schmuck gehütet worden waren, lagen nun unter freiem Himmel verstreut, schmutzig, verrostet und nicht mehr zu reparieren. Abgemagerte Kühe und Pferde, voll verkrustetem Mist, irrten über den Hof. Hühner, Gänse und Enten wühlten scharenweise im ungedroschenen Getreide.“

Diese Realität, die er mit eigenen Augen sah, war einprägsam genug, dass er sie nie vergaß. Aber zum Zeitpunkt seines Erlebens konnte er sich das Gegenteil einreden und war damit nicht der Einzige. Wassili Grossman, ein weiterer sowjetischer Schriftsteller, legte einer Figur seines Romans „Alles fließt“ folgende Worte in den Mund: „Ich bin nicht mehr verhext, ich sehe jetzt, dass die Kulaken Menschen waren. Aber warum war mein Herz damals so versteinert? Die Menschen haben doch so gelitten, was hat man ihnen nicht alles angetan? Und gesagt wurde: ‚Das sind keine Menschen, das ist Kulakengesocks‘.“

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Neunzig Jahre sind seit diesen Ereignissen vergangen. Die Sowjetunion gibt es nicht mehr. Schon lange sind die Werke von Kopelew, Krawtschenko und Grossman für russische Leser verfügbar. Zudem wurden in Russisch und vielen anderen Sprachen zahlreiche Bücher geschrieben über das Sowjetsystem und dessen Fähigkeit, seine Opfer zu entmenschlichen und das damalige Geschehen kleinzureden.

Früher gingen wir davon aus, dass allein das Erzählen dieser Geschichten eine Wiederholung durch wen auch immer unmöglich machen würde. In den späten 1980er Jahren, in der Zeit von Glasnost, waren Bücher und Memoiren über das stalinistische Regime und den Gulag in Russland Bestseller. Seitdem hat sich die Stimmung geändert. Derartige Bücher sind in Russland theoretisch erhältlich, aber niemand kauft sie. „Memorial“, die wichtigste Gesellschaft zur historischen Aufarbeitung in Russland, musste schließen. Museen und Denkmäler für die Opfer sind nach wie vor klein und wenig bekannt. Vor allem aber ist die Fähigkeit des russischen Staates, das Geschehen vor seinen Bürgern kleinzureden und seine Feinde zu entmenschlichen, stärker denn je.

Heutzutage braucht es weniger Gewalt: Es hat in Putins Russland keine Massenverhaftungen gegeben, zumindest nicht im selben Ausmaß wie zu Stalins Zeiten. Aber vielleicht ist das auch gar nicht notwendig, denn die heutigen Werkzeuge der Propaganda sind so viel effektiver. Das russische Staatsfernsehen, Hauptinformationsquelle der meisten Russen, ist unterhaltsamer, spektakulärer und schicker als die Sendungen aus den knisternden Radios der Stalinzeit. Die sozialen Medien, die jedem von uns eine individuell zugeschnittene Sicht auf die Welt vermitteln, haben mehr Suchtpotenzial und sind fesselnder als die schlecht gedruckten Zeitungen der Vergangenheit.

Aber auch die Propaganda hat sich gewandelt. In der Sowjetunion unter Stalin wurde wie auch unter Chruschtschow und Breschnew von den Sowjetbürgern verlangt, an etwas Positives zu glauben, an eine künftige Utopie, eine bessere Welt. Bilder vom mustergültigen Staat waren allgegenwärtig: lächelnde Bürger, nagelneue Traktoren, heldenhafte Arbeiter, Fabriken, die Rekordmengen an Stahl produzieren, und Felder, auf denen endlos viel Weizen wächst. Jeder musste sich an dieser Propaganda beteiligen, sie wiederholen und zumindest so tun, als ob er daran glaubt.

Heutzutage kann die russische Propaganda auf diesen gespielten, aktiven Positivismus verzichten. Der Staat braucht keine aktiven Bürger, sie sollen zynisch, apathisch und passiv sein. Die meisten Menschen in Russland konnten in den letzten zwei Jahrzehnten unbehelligt vom Regime ihrem Alltag nachgehen. Sie wussten, wenn sie unpolitisch bleiben und sich nur um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, wenn sie nur im kleinen Kreis murren und sich aus den gesellschaftlich relevanten Fragen heraushalten, dann würde sie kein solches Schicksal ereilen wie das von Anna Politkowskaja, die in ihrem Treppenhaus ermordet wurde, wie das von Michail Chodorkowski, der ein Jahrzehnt im Gefängnis verbrachte, oder wie das von Alexej Nawalny, der erst vergiftet und dann inhaftiert wurde.

Ebenfalls im Unterschied zu früher ist heute in Russland vor allem niemand mehr verpflichtet, alles zu glauben, was im Fernsehen gesagt wird. Selbstverständlich wurde im sowjetischen Radio und Fernsehen gelogen. Aber man gab sich die Mühe, Unwahrheiten echt aussehen zu lassen. Es wurden Beweise und Argumente geliefert. Eine Bezichtigung der Lüge löste Empörung aus. In Putins Russland spielen sowohl die Fernsehsender als auch die Politiker ein anderes Spiel. Sie lügen ununterbrochen, unverhohlen und offensichtlich. Aber sie scheren sich nicht um Beweise. Als 2017 das malaysische Passagierflugzeug MH17 über der Ukraine abgeschossen wurde, kam aus Russland als Reaktion kein einziges Dementi, sondern eine Vielzahl wahrscheinlicher und unwahrscheinlicher Geschichten: mal war die ukrainische Armee schuld, mal die CIA, oder es war eine abscheuliche Verschwörung, und 298 Tote wurden in ein Flugzeug gesetzt, um einen Flugzeugabsturz vorzutäuschen und Russland zu diskreditieren. Der endlose Strom von Lügen, „Firehose of Falsehood“ genannt, verursachte keine Empörung, sondern Apathie. Wenn es so viele Versionen gibt, wie kann man dann überhaupt wissen, welche davon wahr ist? Und wenn nun gar nichts von alldem wahr ist?

Anstatt eine Utopie sowjetischen Typs zu bewerben, hat sich die zeitgemäße russische Propaganda in den letzten zehn Jahren auf die Feinde konzentriert. Die Russen erfahren kaum etwas darüber, was in ihren eigenen Städten oder in der Nachbarschaft einen Häuserblock weiter passiert. Anders, als die Sowjetbürger in früheren Zeiten, müssen sie sich deshalb nicht mit der Kluft zwischen Realität und Fiktion auseinandersetzen. Stattdessen wird ihnen ständig von Orten erzählt, die sie nicht kennen und meist noch nie gesehen haben: Amerika und Europa, Frankreich und Großbritannien, Schweden und Polen, Orte voller Entartung, Heuchelei und „Russophobie“. Eine Untersuchung des russischen Fernsehprogramms zwischen 2014 und 2017 ergab, dass auf den drei wichtigsten, allesamt staatlich kontrollierten russischen Kanälen durchschnittlich 18 Mal am Tag negative Nachrichten über Europa gezeigt wurden. Einige der Geschichten waren erfunden („die deutsche Regierung nimmt Familien gewaltsam Kinder weg und gibt sie an homosexuelle Paare“), aber auch wahre Geschichten bedienen ein bestimmtes Narrativ. Das tägliche Leben in Europa wurde als beängstigend und chaotisch dargestellt, Europäer als schwach und unmoralisch. Der Terrorismus greift um sich, die Menschen leben in Angst und Schrecken. Die Europäische Union ist aggressiv und regulativ, mal will sie die Ukraine als Atommüllsonderdeponie missbrauchen, mal zwingt sie ihre Mitglieder zu einer „russophoben“ Politik.

Selbst innerhalb dieses sich ständig verändernden Dramas aus Wut und Angst, das sich jeden Abend in den russischen Abendnachrichten abspielt, kam der Ukraine für lange Zeit eine besondere Rolle zu. Für die russische Propaganda ist die Ukraine kein richtiger Staat, hat keine Geschichte, keine Legitimität, und ist eigentlich nichts weiter als der „Südwesten von Russland“, ein unveräußerlicher Teil der „Geschichte, Kultur und des geistigen Raums“ unseres Russlands, wie Putin es formulierte. Schlimmer noch, dieser Nicht-Staat dient den amerikanischen und europäischen Feinden Russlands mittlerweile als Waffe und wurde von den degenerierten, dem Untergang geweihten westlichen Mächten in ein hasserfülltes „Anti-Russland“ verwandelt. Putin bezeichnete die Ukraine als „vollständig von außen kontrolliert“, als „Kolonie eines Marionettenregimes“. Er sei in die Ukraine einmarschiert, um Russland „gegen diejenigen zu verteidigen, die die Ukraine in Geiselhaft genommen haben und sie gegen unser Land und unser Volk ausspielen wollen.“

In Wirklichkeit ist es Putin, der in die Ukraine einmarschiert, um sie zur Kolonie seines Marionettenregimes zu machen. Dass die Ukraine längst eine andere Entwicklung genommen haben könnte, liegt außerhalb seines Vorstellungsvermögens, denn sein durch den KGB geprägtes Weltbild schließt die Möglichkeit einer authentischen Politik, einer Basisbewegung, einer öffentlichen Meinung aus. In Putins Sprache, in der Sprache der meisten russischen Fernsehkommentatoren und jetzt auch in der Sprache der meisten Russen haben die Ukrainer keine Handlungsmacht. Sie können keine Entscheidungen für sich selbst treffen. Sie können keine Regierung wählen. Sie sind nicht einmal Menschen, sondern „Nazis“. Und deswegen kann man sie, wie vormals die Kulaken, ohne Gewissensbisse, Bedenken oder Schuldgefühle beseitigen. Und genau das geschieht heute.

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Es sei angemerkt, dass eine genozidale Sprache nicht zwingend mit einem genozidalen Verhalten einhergeht oder dieses vorwegnimmt. Menschen können sich gegenseitig kränken, erniedrigen, beschimpfen und trotzdem nie versuchen, einander zu töten. Aber selbst, wenn massive Hassrede nicht zwangsläufig zu Massenmorden führt, gehen Massenmorden zwangsläufig massive Hassreden voraus. Rückblickend hat sich der Propagandastaat, den Wladimir Putin schuf (mit Hilfe Zehntausender anderer Menschen, von grauen Apparatschiks und Armeeobersten bis hin zu eleganten, gut gekleideten und frisierten Fernsehmoderatorinnen), als ideales Vehikel für einen Massenmord und dessen Verschleierung vor der russischen Öffentlichkeit erwiesen. Sie hatten noch gar nicht begonnen und wussten schon, dass die Zerstörung dieses nichtexistenten Staates, dieses Anti-Russlands keinerlei Mitgefühl oder Mitleid auslösen würde bei einem Publikum, dass sie zu Skepsis und Zynismus erzogen hatten in Bezug auf alles und jeden, besonders jedoch in Bezug auf die ukrainischen „Marionetten“ Amerikas und Europas.

Von den ersten Kriegstagen an war offensichtlich, dass die russischen Militärstrategen viele Menschen, Millionen von Menschen zu töten, zu verwunden oder aus ihren Häusern in der Ukraine zu vertreiben gedachten. Auch früher hat es schon massive Angriffe auf Städte gegeben, von der alliierten Bombardierung Dresdens über die deutsche Bombardierung Coventrys bis hin zu Hiroshima und Nagasaki. Sie aber ereigneten sich nach Jahren eines schrecklichen Konflikts, dem schlimmsten in der europäischen Geschichte. Im Gegensatz dazu begann die Vernichtung von Mariupol und seiner Einwohner nur wenige Tage nach einer Invasion, der keine Provokation vorangegangen war, und sie diente allein dem Zweck der Entvölkerung dieser russischsprachigen Stadt. Mehr als 90 Prozent der Gebäude wurden zerstört, Stahlwerke und eine wirtschaftliche Infrastruktur, die eine erobernde Armee zu anderen Zeiten unter ihre Kontrolle gebracht hätte, wurden zusammen mit Wohnblocks, Straßen, Schulen und Krankenhäusern dem Erdboden gleichgemacht. Auf dem Höhepunkt der Kämpfe war die Zivilbevölkerung noch immer in der Stadt eingeschlossen, ohne Nahrungsmittel, Wasser oder Medikamente. Männer, Frauen und Kinder starben an Hunger und Dehydrierung. Fliehende wurden unter Beschuss genommen. Außenstehende, die Nachschub bringen wollten, wurden beschossen. Unbestattet blieben Leichen von ukrainischen Zivilisten wie auch die von russischen Soldaten auf den Straßen liegen.

Selbst in dem Moment, als dieses Verbrechen vor den Augen der Weltöffentlichkeit verübt wurde, vor laufenden Kameras, wonach die Fotos auf jedem Handy und Laptop auf unserem Planeten verfügbar waren, verheimlichte der russische Staat die Tragödie erfolgreich vor seinem eigenen Volk. Wie in der stalinistischen Vergangenheit kam ihm dabei der Jargon zu Hilfe. Im russischen Staatsfernsehen und in der Sprache der russischen Beamten war es keine Invasion, sondern eine „militärische Spezialoperation“. Es handelte sich nicht um einen Massenmord an Ukrainern, sondern um eine „Verteidigung“ der Bewohner in den von Russland illegal besetzten ostukrainischen Gebiete. Es war kein Genozid, sondern eine Abwehr des „vom Kiewer Regime verübten Genozids“.

Am Vorabend des Krieges hatte Putin zudem zur jahrzehntealten Propaganda über den perfiden Westen zurückgefunden und sich dabei einer Sprache bedient, die den meisten Russen bekannt vorkommen dürfte: „Sie waren bestrebt, unsere traditionellen Werte zu zerstören und uns ihre Pseudowerte aufzuzwingen, die uns, unser Volk, von innen heraus zersetzen würden – jene Haltungen, die sie bereits aggressiv in ihren Ländern durchsetzen und die direkt zu Degradierung und Entartung führen, da sie gegen die menschliche Natur selbst gerichtet sind.“

Während die Hungersnot das Ziel hatte, die existenzielle Bedrohung durch die Kulaken zu beseitigen, so hat dieser Krieg das Ziel, die existenzielle Bedrohung durch „Pseudowerte“ der demokratischen Welt außer Kraft zu setzen. Allen, die wegen der Zerstörung von Mariupol ein schlechtes Gewissen hatten, wurde zur Vertreibung dieses Gefühls folgendes an die Hand gegeben: Mariupol war eigentlich nur ein kleiner Teil einer existenziellen Bedrohung, die früher oder später beseitigt werden muss.

Rechtfertigungen wurden auch für jene bereitgestellt, die versehentlich ein paar Fotos von Mariupol gesehen hatten. Am 24. März zeigte das russische Fernsehen tatsächlich Aufnahmen von den Ruinen der Stadt – Drohnenaufnahmen, die möglicherweise bei CNN gestohlen wurden. Aber anstatt die Verantwortung zu übernehmen, wurden die Ukrainer beschuldigt. Eine Fernsehmoderatorin beschrieb die Szene mit traurigem Ton als „schreckliches Bild. Die [ukrainischen] Nationalisten wollen auf ihrem Rückzug kein Stein auf dem anderen lassen.“ Das russische Verteidigungsministerium beschuldigte sogar das Asow-Bataillon, eine bekanntlich radikale Kampftruppe, das Theater von Mariupol in die Luft gesprengt zu haben, die Zuflucht von Hunderten von Kindern. Warum sollten überpatriotische ukrainische Kräfte absichtlich ukrainische Kinder töten? Das wurde nicht erklärt, aber es wird ja ohnehin nie etwas erklärt. Die russischen Fernsehzuschauer sind darauf trainiert, alles, was sie sehen und hören, mit Vorsicht zu genießen: Wenn man nichts sicher weiß, kann man auch niemanden beschuldigen. Vielleicht wurde Mariupol von „Nationalisten“ zerstört. Vielleicht auch nicht. Da können keine Konsequenzen gezogen werden, da ist niemand verantwortlich.

Bisher funktioniert das ganz gut. Selbst jetzt, bei der voranschreitenden Mobilisierung, schweigt die russische Öffentlichkeit. Die Täter fühlen sich zumeist im Recht. Mitschnitte von Telefongesprächen zwischen russischen Soldaten und ihren Familien – sie benutzen gewöhnliche Sim-Karten, die leicht abzuhören sind – zeigen Verachtung für die Ukrainer. „Ich habe auf ein Auto geschossen“, sagt ein Soldat bei einem der Telefongespräche zu seiner Frau oder seiner Schwester. „Erschießt die Wichser“, antwortet sie, „Hauptsache, es trifft euch nicht. Scheiß auf sie. Verdammte Drogensüchtige und Nazis.“ Im Gespräch werden gestohlene Fernsehapparate erwähnt, das Trinken von Cognac und das Erschießen von Menschen in Wäldern. Keine Betroffenheit über die Gefallenen, nicht einmal die eigenen. Präsident Selenski wunderte sich in einem Interview über die Unbekümmertheit, mit denen die Russen den Ukrainern ein paar Müllsäcke anboten für ihre eigenen Leichen: „So behandelt man nicht einmal einen Hund oder eine Katze, wenn sie stirbt.“

Das ist keine Begeisterung für Gewalt, sondern nur Gleichgültigkeit gegenüber Gewalt, dem menschlichen Leben und jeder Art von Moral. Selbst der Versuch des russischen Staates, mit der Z-Kampagne ein wenig patriotische Begeisterung für den Krieg zu wecken, scheint gescheitert. Sie existiert in sozialen Medien, nicht jedoch im realen Leben.

Russische Bürger und russische Soldaten haben den Krieg hingenommen, weil sie aus der eigenen Geschichte nichts gelernt haben, weil der ukrainische Holodomor, der Gulag oder der stalinistische Terror von 1937/38 nie aufgearbeitet wurden. Nie haben die Täter Reue gezeigt. Die Krawtschenkos und Kopelews waren in der Minderheit und schlugen lediglich kleine Wellen im großen Ozean der Gleichgültigkeit. „Das sind keine Menschen, das ist Kulakengesocks“ – dieses Gefühl beherrschte die Herzen der meisten Sowjetbürger, die wussten, was geschehen war. Die anderen versuchten mehrheitlich nicht einmal, es herauszufinden. Der Krieg gegen die Ukraine ist nun das Ergebnis. Er sollte uns alle daran gemahnen, dass Geschichte erinnert werden muss, ihre Lektionen verinnerlicht werden müssen, heute wie in der fernen Vergangenheit.

 

 

Übersetzung ins Deutsche von Franziska Zwerg